Grenzen setzen: Wie viel Rücksicht ist zu viel?

In meiner Praxis stosse ich immer wieder auf das Thema Grenzen. Manchmal leider erst dann, wenn schon sehr viel passiert ist. Wenn ein Paar sich kaum noch erreicht, einer innerlich längst aufgegeben hat oder beide nicht mehr verstehen, wie sie an diesen Punkt gekommen sind.
Gerade deshalb finde ich es wichtig, dass wir uns alle mit Grenzen auseinandersetzen. Nicht erst, wenn eine Beziehung auf der Kippe steht.
Denn manchmal nennen wir es Rücksicht, obwohl wir eigentlich Angst haben, Nein zu sagen.
Wir möchten den anderen nicht verletzen, keinen Streit auslösen oder nicht als egoistisch gelten. Also passen wir uns an, schlucken unseren Ärger herunter und versuchen, es irgendwie hinzukriegen.
Bis irgendwann nichts mehr geht.
Dann verlässt vielleicht ein Mensch die Beziehung, der jahrelang versucht hat, es allen recht zu machen. Für den Partner oder die Partnerin kommt das oft überraschend. Schliesslich hat man doch kaum gestritten. Warum ist plötzlich alles falsch?
Vielleicht, weil einer von beiden schon lange nicht mehr gesagt hat, was für ihn nicht stimmt.
Wieso ist es so schwierig, Grenzen zu setzen?
Weil es sich anfühlen kann wie Ablehnung. Wir möchten unsere Liebsten nicht verletzen. Und manchmal fürchten wir uns davor, selbst abgelehnt zu werden, wenn wir Nein sagen.
Doch jemanden zu lieben bedeutet nicht, alles mittragen zu müssen. Und eine Grenze zu setzen bedeutet nicht automatisch, einen Menschen abzulehnen. Es bedeutet, ernst zu nehmen, was für uns stimmt und was nicht.
Natürlich dürfen wir Rücksicht nehmen, Kompromisse eingehen und Dinge aushalten, die uns nicht perfekt gefallen. Beziehungen sind nicht immer einfach. Manchmal ist es harzig, manchmal sind wir enttäuscht, manchmal müssen wir uns aufeinander zubewegen.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem schwierigen Moment und einer Dynamik, in der wir uns selbst immer wieder übergehen.
Was bedeuten Grenzen eigentlich?
Eine Grenze zu setzen ist auch ein Beziehungsakt. Sie bedeutet: «Das brauche ich, damit ich mich mit dir wohlfühlen und mit dir in Verbindung bleiben kann.»
Es geht nicht darum, dass der andere dafür verantwortlich ist, dass es mir immer gut geht. Es geht darum, ihm verständlich zu machen, was in mir passiert und was ich brauche, um mich in unserer Beziehung weiterhin sicher, gesehen und verbunden zu fühlen.
Wenn wir nicht sagen, was für uns nicht stimmt, kann unser Gegenüber es oft gar nicht wissen. Wir erwarten, dass es zwischen den Zeilen liest, unsere Enttäuschung bemerkt oder von selbst versteht, was wir brauchen. Manchmal funktioniert das. Aber eben nicht immer.
Und wenn wir unsere Grenzen zu lange nicht kommunizieren, passiert etwas Gefährliches: Wir beginnen vielleicht, den anderen für Dinge verantwortlich zu machen, von denen er gar nicht weiss, wie viel sie in uns auslösen.
Dann stehen wir irgendwann nicht mehr zu zweit vor einem Problem, sondern kämpfen gegeneinander. Wir sammeln Enttäuschungen, verteidigen uns, ziehen uns zurück oder greifen an. Das Gefühl von Verbundenheit schwindet.
Dabei hätten wir vielleicht viel früher darüber sprechen können, was für uns nicht mehr stimmt.
Wie setze ich eine Grenze, ohne den anderen abzulehnen?
Indem ich nicht sage, was der andere falsch macht, sondern vor allem, was es mit mir macht und was ich brauche.
Zum Beispiel:
«Wenn wir am Wochenende kaum voneinander hören, fühle ich mich allein und werde unsicher. Ich merke, dass ich dann anfange, mich zu fragen, wie wichtig ich dir bin. Ich wünsche mir, dass wir einen Weg finden, regelmässiger Kontakt zu haben. Wie ist das für dich?»
Das ist zunächst ein Wunsch. Eine Grenze wird daraus, wenn ich mir bewusst mache, was für mich auf Dauer nicht mehr stimmt:
«Ich merke, dass mir regelmässiger Kontakt in einer Beziehung wichtig ist. Ich möchte nicht dauerhaft in einer Beziehung sein, in der ich mich mit diesem Bedürfnis allein fühle. Wenn wir keinen Umgang finden, der für uns beide passt, muss ich mich fragen, ob diese Beziehung für mich die richtige ist.»
Das ist keine Drohung. Es ist eine ehrliche Auseinandersetzung damit, was ich brauche, um in dieser Beziehung bleiben zu können.
Und natürlich darf mein Partner andere Bedürfnisse haben. Er muss nicht jeden Wunsch erfüllen, nur damit ich mich wohlfühle. Aber wir müssen uns darüber verständigen können, was für uns beide wichtig ist und wo wir an Grenzen kommen.
Was, wenn meine Grenzen dem anderen nicht passen?
Dann wird es manchmal schwierig. Vielleicht braucht mein Partner mehr Nähe, als ich geben kann. Vielleicht brauche ich mehr Verlässlichkeit, als er sich wünscht. Nicht jeder Unterschied lässt sich auflösen.
Wir dürfen Grenzen haben, die den anderen enttäuschen. Wir dürfen auch feststellen, dass unsere Vorstellungen von einer Beziehung nicht zusammenpassen.
Das ist schmerzhaft, aber eine respektvolle und wohlgesinnte Trennung muss kein Scheitern sein.
Schwieriger wird es, wenn eine Grenze immer wieder missachtet wird. Wenn wir klar sagen, was uns verletzt, und unser Gegenüber uns nicht ernst nimmt, uns unter Druck setzt oder unsere Gefühle gegen uns verwendet.
Dann reicht es nicht, noch verständlicher, geduldiger oder rücksichtsvoller zu kommunizieren.
Wir können Verantwortung dafür übernehmen, unsere Grenzen auszudrücken und Konsequenzen für uns zu ziehen. Wir sind aber nicht dafür verantwortlich, dass ein anderer Mensch sie respektiert. Und wir sind nicht schuld daran, wenn jemand unsere Grenzen bewusst überschreitet.
Gerade wenn Angst, Abhängigkeit oder Gewalt im Spiel sind, ist es wichtig, sich Unterstützung zu holen. Grenzen zu setzen ist nicht in jeder Situation einfach oder sicher. Genau dafür gibt es Hilfsangebote, Fachstellen und die Justiz.
Vielleicht ist Rücksicht nicht immer liebevoll
Rücksicht ist wichtig. Wir können nicht einfach alles tun, worauf wir gerade Lust haben, und erwarten, dass unsere Liebsten damit klarkommen.
Aber Rücksicht bedeutet nicht, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse unsichtbar machen. Und Liebe bedeutet nicht, dass wir alles aushalten müssen.
Vielleicht dürfen wir uns deshalb öfter fragen: Bin ich gerade wirklich bereit, einen Kompromiss einzugehen? Oder sage ich Ja, weil ich Angst habe, was passiert, wenn ich Nein sage?
Denn wenn wir unsere Grenzen nicht aussprechen, schützen wir die Beziehung nicht unbedingt. Vielleicht schützen wir uns nur vor einem unangenehmen Gespräch – und bezahlen später einen viel höheren Preis.
Eine Beziehung muss nicht frei von Konflikten sein, um sich gut anzufühlen. Aber wir sollten uns dadurch nicht komplett als Verbündete aus den Augen verlieren.
Grenzen helfen uns, genau das möglich zu machen: einander zu sagen, was nicht stimmt, ohne einander gleich infrage zu stellen. Und gemeinsam herauszufinden, ob und wie wir einen Weg finden, der für beide stimmt.



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